Beim Firmenkauf denkt niemand an IT Sicherheit, bis es zu spät ist. Wie Sie Risiken frühzeitig erkennen und bewerten
Unternehmensübernahmen und Zusammenschlüsse gehören zu den komplexesten Entscheidungen im Management. Strategische Ziele, Marktanteile, Technologien, Personal und finanzielle Kennzahlen stehen im Fokus. Verträge werden geprüft, Bewertungen erstellt, Synergien kalkuliert. Doch ein zentraler Bereich wird in vielen M&A Prozessen erst spät oder gar nicht betrachtet. Die Sicherheit der bestehenden IT Landschaft. Dabei entscheidet genau dieser Faktor häufig darüber, ob eine Übernahme langfristig erfolgreich ist oder unerwartete Risiken freisetzt.
IT Sicherheit wird im Kontext von Mergers & Acquisitions oft als operatives Detail wahrgenommen. Man geht davon aus, dass bestehende Systeme schon irgendwie funktionieren. Schließlich ist das Zielunternehmen aktiv am Markt. Doch diese Annahme ist trügerisch. Sicherheitsprobleme sind selten sichtbar. Sie liegen unter der Oberfläche. Alte Systeme, ungepatchte Anwendungen, unklare Zugriffsrechte, technische Schulden oder fehlende Prozesse sind in vielen Organisationen Realität. Beim Zusammenschluss zweier Unternehmen treffen diese Risiken auf neue Strukturen. Die Angriffsfläche wächst abrupt.
Ein zentrales Problem liegt im Zeitpunkt. Sicherheitsbewertungen erfolgen häufig erst nach dem Closing. Zu diesem Zeitpunkt sind Verträge unterschrieben, Systeme verbunden und Abhängigkeiten geschaffen. Sicherheitslücken werden dann nicht mehr als Entscheidungsgrundlage betrachtet, sondern als Problem, das gelöst werden muss. Das verschiebt die Machtverhältnisse. Was vorher verhandelbar gewesen wäre, wird zur Kostenposition. Security wird vom strategischen Faktor zum operativen Schaden.
Dabei lassen sich viele Risiken frühzeitig erkennen. Security Due Diligence ist kein Luxus, sondern ein notwendiger Bestandteil moderner M&A Prozesse. Sie ergänzt finanzielle, rechtliche und operative Prüfungen um eine Perspektive, die zunehmend geschäftskritisch ist. Denn IT Sicherheit beeinflusst nicht nur den Schutz von Daten. Sie beeinflusst Verfügbarkeit, Reputation, Compliance und Integrationsfähigkeit.
Ein häufig unterschätzter Aspekt ist die Heterogenität der Systeme. Unternehmen entwickeln ihre IT über Jahre. Tools, Plattformen und Prozesse unterscheiden sich stark. Beim Zusammenschluss müssen diese Welten zusammengeführt werden. Wenn Sicherheitsniveaus stark auseinanderliegen, entsteht ein Ungleichgewicht. Das schwächere System bestimmt das Gesamtrisiko. Angreifer nutzen genau solche Übergangsphasen. Integrationen schaffen temporäre Unsicherheiten. Zugriffe werden erweitert. Kontrollen gelockert. Genau hier entstehen Einfallstore.
Auch die Identitätslandschaft spielt eine zentrale Rolle. Unterschiedliche Benutzerverzeichnisse, unklare Rollenmodelle und historische Berechtigungen sind typische Altlasten. In vielen Unternehmen haben Mitarbeitende mehr Zugriffe als nötig. Diese Situation verschärft sich bei einer Übernahme. Neue Systeme werden angebunden, alte Zugriffe bleiben bestehen. Ohne klare Analyse entsteht ein unüberschaubares Berechtigungsgeflecht. Sicherheit leidet unter Intransparenz.
Ein weiterer kritischer Punkt sind technische Schulden. Viele Unternehmen betreiben Systeme, die funktional stabil sind, aber sicherheitstechnisch veraltet. Alte Betriebssysteme, nicht unterstützte Software oder Eigenentwicklungen ohne Wartung sind keine Seltenheit. Diese Risiken tauchen in Bilanzen nicht auf, wirken aber langfristig massiv. Nach einer Übernahme müssen diese Systeme weiterbetrieben oder ersetzt werden. Beides kostet Zeit und Geld. Wer diese Risiken früh erkennt, kann sie bewerten und in die Kaufentscheidung einbeziehen.
Auch der Umgang mit Daten ist entscheidend. Unternehmen speichern große Mengen an Informationen. Kundendaten, Vertragsunterlagen, geistiges Eigentum und interne Kommunikation. Bei einer Übernahme müssen diese Daten geschützt, migriert und integriert werden. Wenn nicht klar ist, wo Daten liegen, wie sie gesichert sind und wer Zugriff hat, entsteht ein erhebliches Risiko. Datenschutzverletzungen nach M&A Transaktionen sind keine Seltenheit. Sie entstehen oft durch fehlende Transparenz.
Ein weiterer Faktor ist die Sicherheitskultur. Sicherheit ist nicht nur Technik. Sie ist Verhalten. Unternehmen unterscheiden sich stark darin, wie sie mit Risiken umgehen. Manche haben klare Prozesse, regelmäßige Schulungen und eine offene Fehlerkultur. Andere reagieren nur auf Vorfälle. Beim Zusammenschluss treffen diese Kulturen aufeinander. Wenn Sicherheitsverständnis nicht kompatibel ist, entstehen Konflikte. Prozesse werden nicht akzeptiert. Regeln werden umgangen. Kulturunterschiede sind schwer messbar, aber wirkungsvoll.
Security in M&A bedeutet deshalb mehr als technische Prüfung. Es bedeutet, ein realistisches Bild der Sicherheitsreife zu gewinnen. Wie werden Vorfälle behandelt. Wie werden Updates umgesetzt. Wie wird Verantwortung gelebt. Diese Fragen entscheiden darüber, wie schnell und sicher eine Integration gelingen kann.
Ein häufiges Argument gegen frühe Sicherheitsbewertungen ist der Aufwand. M&A Prozesse stehen unter Zeitdruck. Jede zusätzliche Prüfung wird als Verzögerung empfunden. Doch Sicherheitsvorfälle nach einer Übernahme sind deutlich teurer. Sie führen zu Produktionsausfällen, Vertrauensverlust und regulatorischen Konsequenzen. Frühzeitige Security Bewertung ist keine Bremse, sondern Risikominimierung.
Ein sinnvoller Ansatz ist die gestufte Betrachtung. Nicht jedes Detail muss sofort geprüft werden. Doch grundlegende Fragen lassen sich früh klären. Welche Kernsysteme existieren. Wie alt sind sie. Gibt es bekannte Sicherheitsvorfälle. Wie wird gepatcht. Wie werden Zugriffe verwaltet. Diese Informationen liefern ein erstes Risikoprofil. Auf dieser Basis lassen sich Entscheidungen treffen.
Auch vertraglich lassen sich Sicherheitsaspekte berücksichtigen. Garantien, Haftungsregelungen oder Investitionszusagen können Risiken abfedern. Doch dafür müssen sie bekannt sein. Unbekannte Risiken lassen sich nicht verhandeln. Security Due Diligence schafft Verhandlungsgrundlage.
Nach dem Closing wird Security oft zur Integrationsaufgabe. Systeme müssen zusammengeführt, Prozesse vereinheitlicht und Verantwortlichkeiten geklärt werden. Wenn Sicherheitsunterschiede zu groß sind, verzögert sich die Integration. Geschäftliche Synergien bleiben aus. Die geplanten Vorteile der Übernahme werden geschmälert. Sicherheit beeinflusst damit direkt den wirtschaftlichen Erfolg.
Ein weiterer kritischer Moment ist die Übergangsphase. Während Systeme integriert werden, entstehen temporäre Lösungen. Provisorische Zugriffe, manuelle Prozesse und Ausnahmen sind üblich. Diese Übergangsphase ist besonders anfällig. Angreifer wissen das. M&A Aktivitäten sind öffentlich. Sie signalisieren Veränderung. Sicherheit muss in dieser Phase besonders stabil sein.
Auch externe Dienstleister spielen eine Rolle. Beratungen, Integrationspartner und IT Dienstleister erhalten Zugriff auf Systeme und Daten. Ohne klare Sicherheitsanforderungen entstehen zusätzliche Risiken. Zugriffe müssen zeitlich begrenzt, dokumentiert und überwacht werden. Auch das gehört zur M&A Security Betrachtung.
Am Ende zeigt sich, dass Security kein Randthema ist. Sie ist ein zentraler Bestandteil des Unternehmenswertes. Ein Unternehmen mit hoher Sicherheitsreife ist besser integrierbar, widerstandsfähiger und vertrauenswürdiger. Ein Unternehmen mit niedriger Sicherheitsreife bringt versteckte Kosten und Risiken mit. Diese Unterschiede müssen sichtbar gemacht werden.
Security in Mergers & Acquisitions bedeutet, Risiken nicht zu verdrängen, sondern bewusst zu bewerten. Frühzeitig. Strukturiert. Realistisch. Wer Sicherheit erst nach dem Kauf betrachtet, handelt reaktiv. Wer sie in die Entscheidung einbezieht, handelt strategisch. In einer Zeit zunehmender digitaler Abhängigkeiten ist das kein optionaler Schritt mehr, sondern Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg.
